Am 25. Mai 2026 wurden erste Visualisierungen und kurze Beschreibungen der vier Entwürfe für eine neue Carolabrücke vorgestellt. Am 10. Juni 2026 wurden zudem die Ergebnisse aus dem Expertengremium im Bauausschuss der Landeshauptstadt Dresden öffentlich vorgestellt.
Die Dresdner Brückenfamilie
Die Ergebnisse zeigen sehr unterschiedliche Ansätze, nicht nur bei der Bauweise, sondern vor allem bei der Ästhetik, die sich für die neue Carolabrücke aus Sicht von Stadtbild Deutschland eindeutig in die Dresdner Brückenfamilie einordnen muss. Diese charakterisiert sich im Innenstadtbereich durch sandsteinerne Bogenbrücken mit durchgehenden Pfeilerscheiben, einer vertikalen Rhythmisierung – einerseits aus der Fernsicht durch sichtbare und durchgezogene Pfeiler, sowie auf der Brücke selbst durch Abwechslung in Materialität und Form, u. a. durch Brückenkanzeln, unterschiedliche Geländer- und Balustradenformen, sowie durch eine auf die barocke Stadtsilhouette bezogene Proportionierung, Formensprache und Materialität. Dass diese Aspekte der Bürgerschaft wichtig sind, zeigen die ca. 27.000 Petitionsunterschriften und auch die aus diesem Anlass gegründete Bürgerinitiative Carolabrücke.
Der eingestürzte Vorgängerbau hatte alle diese Merkmale zugunsten einer zukunftsgläubigen und autogerechten Stadtplanung ignoriert, was dazu führte, dass die Brücke nie ein selbstverständlicher Teil der Stadtsilhouette geworden war und unter fehlender Aufenthaltsqualität litt. Die Königin-Carola-Brücke von 1895 war hingegen selbst unzählige Male in der Gesamtansicht, im Zusammenspiel mit der Stadt und auch in Details Postkartenmotiv.
Der beste Entwurf
Der einzige Entwurf, der aus Sicht des Vereins diese Merkmale aufnimmt, ist jener des Planungsteams aus Ingenieurbüro GRASSL und gmp Architekten sowie Jordi Keller Pellnitz Architekten. Nur hier sind durchgehende sandsteinverkleidete Pfeiler mit aufgesetzten Brückenkanzeln und eine sichtbare vertikale Unterteilung in einzelne Bogenabschnitte sichtbar.
Dieser Entwurf ist zudem, nach nachvollziehbarer Aussage des Planungsteams, der günstigste, sowie der am schnellsten umsetzbare Entwurf, da die Tragwerkskonstruktion sehr einfach, damit günstig in Herstellung, Transport und Bau, sowie äußerst wartungsarm konstruiert ist. Die geringere Kostenschätzung erklärt sich auch dadurch, dass bereits sehr viel detaillierter kalkuliert wurde, statt – wie im Expertengremium – nur auf Quadratmeterpreise abzuzielen. Das Ingenieurbüro GRASSL ist ein renommierter und erfahrener Brückenbauer, dem der Verein eine verlässliche und realistische Kostenschätzung zutraut.
Das Expertenvotum
Vor allem der vom Expertengremium bevorzugte Entwurf von Leonhardt, Andrä & Partner (LAP) und Knight Architects sowie Querfeldeins weist aus Sicht von Stadtbild Deutschland mehrere Defizite auf. Die Konstruktion ist zunächst keine Bogen-, bzw. bogenförmige Sprengwerkbrücke, sondern, wie die eingestürzte Carolabrücke, eine Durchlaufträgerkonstruktion, die an den Pfeilerauflagern lediglich leichte Vouten aufweist. Die Bauweise ist zudem sehr filigran und damit kompliziert in Herstellung, Bau und Wartung, was auch das Expertengremium um Brückeningenieur Prof. Steffen Marx bemängelte und eine Nachbesserung vorschlug. Das würde in diesem Fall bedeuten, die einzige Reminiszenz des Entwurfs an die Königin-Carola-Brücke von 1895, nämlich die Stahlgitterstruktur über den Stützen, zu reduzieren.
Der Entwurf lässt keine rhythmisierende vertikale Unterteilung des Brückenträgers erkennen, weder aus der Fernsicht (z. B. durch stark sichtbare Pfeiler oder Kanzeln), noch aus der Perspektive auf der Brücke selbst. Zwar wird der Verkehrsraum des stromabwärtigen Fußweges durch sanft ansteigende und ausscherende Fußgängerrampen funktional geteilt, dies führt jedoch trotzdem zu einer wenig abwechslungsreichen Ansicht für Fußgänger, und ist aus Sicht von Stadtbild Deutschland für eine Altstadtbrücke nicht vertretbar.
Der LAP-Entwurf ist zudem der teuerste und bietet nicht mehr Einsparpotential, als alle anderen Entwürfe. So ist die geplante Busgarage im Altstädter Brückenkopf – anders, als vom Expertengremium angenommen – nach Aussage des Planungsteams bereits eine Kostenreduzierung, da statt eines weiteren Brückenfelds eine überfahrbare Pfosten-Riegel-Konstruktion verwendet wird.
Dass die um 2,5 Meter höhere Brücke aus der Perspektive von der Albertbrücke aus für das Expertengremium kein Problem darstellt, ist nach Betrachtung der Vergleichsansichten eventuell noch nachvollziehbar. Es wurde jedoch offenbar vergessen, dass die beiden Vorgängerbauten so flach geplant wurden, weil der Blick von der Brühlschen Terrasse ins Elbtal bereits im 19. Jahrhundert, und auch in den 1970er Jahren als zu wichtig erachtet wurde, um ihn zu verbauen. Der FHECOR-Entwurf würde diesen empfindlichen Anblick von der Brühlschen Terrasse aus nahezu vollständig verdecken.
Die richtige Perspektive?
Im Expertengremium wurden normierte Visualisierungen im digitalen 3D-Stadtmodell gezeigt, um die Wirkung der verschiedenen Entwürfe vergleichend beurteilen zu können. Im Bezug auf die Wirkung im Stadtbild war neben der Betrachtung der Höhengradiente offenbar ausschließlich die Wirkung unter der Brücke mit Blick in Richtung Elbe relevant. Es wurde dafür eine fragwürdige Perspektive gezeigt, bei der der Betrachter direkt vor einem Pfeilerstandort steht, zudem mit einem sehr geringen Detailgrad ohne Texturen und in einer sehr eingeschränkten Perspektive. Dass allein aufgrund dieser Ansicht u. a. der ansonsten auch von Prof. Marx als „technisch überzeugend“ und „sehr guter Brückenentwurf“ bezeichnete Beitrag des Teams GRASSL auf dem letzten Platz landet, ist für den Verein nicht nachvollziehbar, zumal nahezu alle Dresdner Brücken – vor allem aber alle Innenstadtbrücken und sogar teilweise die eingestürzte Carolabrücke – durchgehende Pfeiler aufweisen. Dies für eine neue Carolabrücke als „falsch“ zu bezeichnen irritiert in dem Zusammenhang sehr. Alleine die bei der Carolabrücke viel größeren Spannweiten machen den Raum unter der Brücke aus fast allen Richtungen bereits sehr transparent, und nur auf den Blick auf die Stadtsilhouette kommt es dabei auch an.
Der Städtebau
Ein weiterer Aspekt, der im Expertengremium aus Sicht von Stadtbild Deutschland zu wenig Aufmerksamkeit erfahren hat, ist die städtebauliche Anbindung und Entwicklung der angrenzenden Stadträume. Dieses Kriterium war in der ersten Wettbewerbsphase, aus der die vier ausgewählten Büros hervorgingen, zu 60 % relevant, weshalb irritiert, dass dieser Aspekt kaum besprochen wurde. Städtebaulich ist der Entwurf von Grassl der stärkste: die Brückenrampen sind nicht mehr aufgefächert, was die begonnene Diskussion um eine schmalere Sankt Petersburger Straße berücksichtigt, und spätere Umbauten der anzubindenden Knotenpunkte Rathenau- und Carolaplatz vereinfacht. Zudem ist der Wiederaufbau des Venezianischen Hauses mitsamt einem urbanen Quartier entlang des ehemaligen Elbbergs möglich. Diese städtebauliche Einbindung ist aus Sicht des Vereins essentiell, und gegenüber aufwändigen Rampenanlagen ohne urbaner Flankierung zu bevorzugen. Die komplexen Rampenanlagen des LAP-Entwurfs wurden auch vom Expertengremium als „zu dominante Verkehrsanlage“ und „überambitioniert“ bezeichnet. Die neue Carolabrücke ist nicht nur ein Verkehrsbauwerk, sondern elementarer Baustein im stadträumlichen Gefüge zwischen Innerer Altstadt und Pirnaischer Vorstadt, und sollte den Weg in eine diesbezüglich sinnvolle Entwicklung weisen, statt diese Entscheidung aufzuschieben. Nicht umsonst hatte der Stadtrat den Wettbewerb zur Sankt Petersburger Straße mit der Absicht aufgeschoben, auf die Gegebenheiten, die sich aus der neuen Brücke ergeben, zu warten. Der Status Quo mit aufgefächerten Fahrbahnen kann hier also keine adäquate Lösung sein.
Die Dresdner wählen den schönsten Entwurf!
Da alle Entwürfe offenbar sehr flexibel bzgl. Verkehrsführungen, Anordnung und Breite der Räume der einzelnen Verkehrsträger sind, ruft Stadtbild Deutschland e. V. die Dresdner auf, sich im Rahmen der Bürgerbeteiligung selbst ein Bild von den Entwürfen zu machen und nach ästhetischen und städtebaulichen Kriterien zu bewerten. Denn diese sind aus Sicht des Vereins bisher zu wenig berücksichtigt worden und eine Präferenz liegt, auch nach Aussage des Expertengremiums, nicht an technischen Möglichkeiten, sondern an der Frage, welche Brücke am besten zu Dresden passt. Das Votum des Expertengremiums ist aus Sicht von Stadtbild Deutschland auch ausschließlich als ästhetische Präferenz dessen Mitglieder zu verstehen und nicht bindend für eine Entscheidung des Stadtrates.
Bildnachweise:
Bybbisch94, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
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Kolossos, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons


