Der Berliner Ortsverband von Stadtbild Deutschland – Teil der Allianz der baukulturell engagierten Berliner Bürgervereine – begrüßt die jüngst veröffentlichten Architekturentwürfe für die Blöcke A und B2 am Molkenmarkt als einen Schritt in die richtige Richtung. Die Bereitschaft von Senator Gaebler, Senatsbaudirektorin Kahlfeldt sowie der Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte (WBM), anspruchsvolle gestalterische Kriterien in die Wettbewerbsverfahren einfließen zu lassen und baulich umzusetzen, verdient Anerkennung, auch wenn eine größere Beteiligung von Vertretern der Stadtgesellschaft im Wettbewerbs-verfahren zu weiteren Verbesserungen hätte führen können.

Ungenügende Bezugnahme zur Geschichte des Ortes:
Der städtebauliche Entwurf mit seinen Abfolgen von Plätzen, engen und breiteren Straßen ermöglicht immer wieder überraschende Ausblicke auf Identifikationspunkte der Berliner Baukultur wie Nikolaikirche und Altes Stadthaus. In Verbindung mit einer kleinteiligen Parzellierung und hochwertiger Architektur, die sich an der regionalen Bautradition orientiert, könnte so ein attraktives Quartier von europäischem Rang an einem der Gründungsorte Berlins entstehen. Dabei ist die Bezugnahme zur Geschichte des Ortes jedoch ungenügend. Zu bemängeln ist hier die fehlende Berücksichtigung von Leitfassaden, wie von uns seit Jahren vorgeschlagen. Es wäre wünschenswert, zumindest für den Bereich des Großen Jüdenhofs im noch zu planenden Block C entsprechende Vorgaben vorzubereiten.

Keine Abstriche bei der Ausführungsqualität:
Wegen der besonderen Bedeutung von Molkenmarkt und Klosterviertel für ganz Berlin und der hervorgehobenen innerstädtischen Lage des Quartiers wäre es ein schwerer Fehler, bei der Realisierung an der Ausführungsqualität der Gebäude zu sparen. So eine Gelegenheit, sich der baukulturellen Leistungen früherer Zeiten als ebenbürtig zu erweisen, kommt nicht so schnell wieder. Diese Neubauten entstehen nicht allein als Wohnraum für wenige und als Vermietungsobjekte für die WBM. Sie schaffen – in gestalterisch hochwertiger Ausführung – Werterhalt über Generationen und können durch ihre kulturelle Ausstrahlung auch über indirekte Einnahmen zum Gemeinwohl beitragen.
Überarbeitungsbedarf bei Los 4:
Durch seine Fernwirkung als Entrée zum Molkenmarkt ist das Los 4 mit den Entwürfen von Lederer Ragnarsdottir und Baumschlager Eberle Architekten das für den Stadtraum bedeutendste, aber leider auch das architektonisch schwächste Ensemble der Entwurfsplanung. Die vorgeschlagene Architektur bleibt hinter der Qualität der übrigen Lose zurück und weist erhebliche Schwächen in der Fassadengliederung auf. Sie unterscheidet sich hierbei wesentlich von der historischen Bebauung an diesem Ort.
Beidseits des Eckbaus Molkenmarkt/Stralauer Straße sind die 2. und 3. Obergeschosse als Blindgeschosse ohne Fensteröffnungen konzipiert – dadurch wirkt die Architektur verschlossen, abgewandt vom Molkenmarkt, die Nutzung nicht ablesbar. Die Architekten haben versucht, die ausdruckslose Fassadenstruktur hier durch punktweise gesetzte Leuchtkörper auszugleichen, doch dies kann das Fehlen einer Gliederung durch Fensterbänder nicht aufwiegen.
Das Eckgebäude am Molkenmarkt, dem früheren Standort der historischen Zornschen Apotheke, wirkt durch das überhöhte 2. Obergeschoss in seinen Proportionen unnötig verzerrt. Die nach oben abknickende Dachkrone beeinträchtigt das Gesamtbild des prominenten Eckbaus.

Gestalterische Defizite an der Stralauer Straße:
Die drei angrenzenden Baukörper entlang der Stralauer Straße überzeugen in ihren Proportionen nicht. Die ungleichmäßige Anordnung und Untergliederung der Fensterreihen ergibt ein unruhiges Bild. Die Dächer erscheinen willkürlich aufgesetzt. Hier fehlt die organische Entwicklung des Dachbereichs aus einem klar erkennbaren Gesims, wie es bei den anderen Losen gut gelöst wurde. Zudem trägt das Fehlen von Fenstergauben im Dachbereich zu einem sterilen, unbelebten Eindruck des Ensembles bei. Der Einsatz grünlicher Metallelemente in den Obergeschossen wirkt unvorteilhaft, weder zum Gesamtbild passend noch historisch begründbar an diesem Ort.
Die Entwürfe für Los 4 sollten daher überarbeitet werden, um ein einigermaßen überzeugendes, die Berliner Baukultur bereicherndes Quartier am Molkenmarkt zu erhalten.


