Offener Brief an die Gemeinde Pleidelsheim – Ermöglichen Sie bitte eine Rekonstruktion des Gasthauses „Zum Ochsen“!
Sehr geehrte Frau Dr. Lee, sehr geehrte Gemeinderatsmitglieder,
der Verein „Stadtbild Deutschland e.V.“ setzt sich bundesweit und ehrenamtlich mit seinen über 800 Mitgliedern für den Denkmalschutz und die Bewahrung regionaltypischer Architektursprache ein.
Besonders nah ging auch uns der jüngste Brand und die Zerstörung des „Gasthauses Ochsen“ am Schillerplatz, da viele unserer Mitglieder im Großraum Stuttgart beheimatet sind.
Neben den menschlichen Schicksalen bedeutet dieser Verlust auch einen schweren Einschnitt in das bauliche und kulturelle Erbe Pleidelsheims. Solche Bauwerke sind nicht nur Zeugnisse der lokalen Geschichte, sondern auch identitätsstiftende Elemente des öffentlichen Raumes. Gerade in kleineren Gemeinden tragen sie entscheidend zur Atmosphäre und Wiedererkennbarkeit eines Ortes bei. Wie Sie, sehr geehrte Frau Bürgermeisterin, es so schön formuliert haben, „blutet“ einem das „Herz“, wenn man die Bilder sieht.
Doch solche Wunden können auch wieder heilen! Vor diesem Hintergrund möchten wir als Verein Stadtbild Deutschland e. V. anregen, bei den Überlegungen zur Zukunft des Grundstücks die Möglichkeit einer originalgetreuen Rekonstruktion des Gebäudes – zumindest aber einer Rekonstruktion der äußeren Fassaden – ernsthaft zu prüfen.
Es ist möglich, das „Gasthaus Ochsen“ weitgehend originalgetreu als Fachwerkbau mit möglichst authentischer Konstruktion, aber unter Beachtung moderner Bauvorschriften und Wohnkomfortanforderungen neu zu errichten.
Eine solche Lösung hätte mehrere Vorteile:
Zum Einen die Bewahrung eines Stücks Ortsidentität. Am Schillerplatz und Umgebung sind bereits viele Neubauten entstanden oder Fassaden so modernisiert worden, dass das charakteristische, regionale Erscheinungsbild schwer beeinträchtigt worden ist. Bevor nun auch noch der Rest an Pleidelsheimer Identität durch einen Neubau ersetzt wird, sollte hier ein Zeichen für die Wertschätzung des kulturellen Erbes gesetzt werden.
Touristischer und medialer Mehrwert: Der möglichst originalgetreue Wiederaufbau/Rekonstruktion eines historischen Gebäudes gilt in Deutschland nach wie vor als Ausnahme, nicht als Regel. Sie erzeugt dadurch immer auch ein gewisses touristisches Interesse bzw. mediale Aufmerksamkeit (Beispiel: Neue Altstadt Frankfurt, Dresdner Neumarkt, Hildesheimer Marktplatz). Auch in Pleidelsheim wäre dadurch eher mit touristischem Mehrwert zu rechnen, als wenn die Lücke nun mit einem weiteren, gesichtslosen Neubau gefüllt werden würde.
Es hat trotzdem eine lange geschichtliche Tradition, Verluste an prägenden Bauten durch möglichst originale Rekonstruktionen zu ersetzen. Der Hamburger Michel, der nach einem Brand 1906 wiederaufgebaut worden war oder der Campanile in Venedig, der nach seinem Einsturz 1902 wiederaufgebaut wurde, sind dafür prominente Beispiele. Auch das prominente, 1945 zerstörte Hildesheimer Knochenhaueramtshaus wurde nicht erst 1989 rekonstruiert, sondern war bereits 1884 nach einem Brand fast völlig ersetzt worden.
Lokale Handwerkstradition: Eine solche Rekonstruktion des „Ochsen“ würde es lokalen Architekten und Architektinnen ermöglichen, die alten Bauweisen der lokalen Fachwerkhäuser neu zu erlernen bzw. in der Praxis an einem Neubau anzuwenden. Das wäre eine gute Übung, die Schule machen würde und vielleicht setzt das Impulse, auch bei weiteren Neubauten wieder stärker auf lokale Gestaltungsformen der Häuserfassaden zu setzen. Dem Erscheinungsbild Pleidelsheims und Umgebung kann das nur nützen.
Technische und wirtschaftliche Machbarkeit: Eine Rekonstruktion ist technisch und wirtschaftlich leistbar! Dass eine solche Bauweise auch heute erfolgreich umgesetzt werden kann, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Erfurt: Dort wird derzeit das in traditioneller Bauweise neu errichtete Fachwerkhaus „Haus zum grünen Löwen“ in der zentral gelegenen Gotthardtstraße fertiggestellt. Das Projekt verbindet traditionelle Gestaltung mit modernem Wohnkomfort und fügt sich so harmonisch in das historische Umfeld ein, dass es von vielen Passanten kaum als Neubau wahrgenommen wird. Es wird von einem privaten Investor fertiggestellt, der sich auf die Sanierung von Fachwerkhäusern spezialisiert hat. Mit dem richtigen Know-How dahinter sollte solch ein Projekt also auch in Pleidelsheim wirtschaftlich machbar sein.
Positive Resonanz der Bürgerschaft: Seitens der Bürgerschaft werden solche Projekte im Allgemeinen sehr positiv aufgenommen. Widerstand gab es in Erfurt v.a. von der Denkmalpflege, die – wie so oft – nach der Maxime handelt, was weg ist, müsse weg bleiben, weil eine Rekonstruktion als Neubau nicht mehr authentisch wäre. Dabei zeigen prominente Wiederaufbauprojekte wie die Dresdner Frauenkirche oder -kleiner- das Fachwerkhaus „Goldene Waage“ in Frankfurt am Main eindrucksvoll, dass es nicht auf die Originalität des Materials, sondern des Entwurfs, der Idee, ankommt.
Selbstverständlich ist uns bewusst, dass jetzt erst einmal technische, rechtliche und vor allem wirtschaftliche Fragen zu klären sein werden. Natürlich wäre eine solche Rekonstruktion aufwendiger, keine Frage. Der künftige Investor einer Rekonstruktion des „Ochsen“ wird hier jede mögliche politische Unterstützung benötigen, für die Sie sich aber als gewählte Vertreter Ihrer Bürger schon jetzt stark machen könnten. Mit einem erfahrenen und engagierten Bauherrn ist das aber zu schaffen!
Wir bitten Sie daher, sich bei einem geplanten Neubau für eine Rekonstruktion oder zumindest eine historisch orientierte Fassadengestaltung einzusetzen! Gerne stehen wir der Gemeinde Pleidelsheim bei Fragen oder Gesprächen zu diesem Thema unterstützend zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
der Vorstand von Stadtbild Deutschland e.V.


