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„Denkmalschutz und Rekonstruktion“, zu dem Diskussionsthema hatte der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz am 23. März ins Domforum eingeladen. Zu den Diskutanten gehörte der amtierende Stadtkonservator Dr. Thomas Werner, sein Vorgänger Dr. Ulrich Krings, die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Petra Sophia Zimmermann, die Restauratorin und Bauingenieurin Sarah Hutt und der Leiter unseres Kölner Ortsverbandes Matthias Beusch.Moderiert wurde die Veranstaltung von Martin Lehrer vom rheinischen Verein für Denkmalpflege.

Die Veranstaltung wurde durch einen Vortrag von Herrn Dr. Krings eröffnet, der ohne positive oder negative Wertung den Wiederaufbau der romanischen Kirchen in Köln nach teils schweren Kriegszerstörungen vorstellte. Bei einigen Kirchen hatte man eine originalgetreue Rekonstruktion umgesetzt, wie beispielsweise bei Groß St. Martin oder St. Gereon, teilweise wurde ein älterer Bauzustand angestrebt, zum Beispiel St. Maria im Kapitol oder St. Kunibert. In einigen Kirchen wurden statt der vorher vorhandenen Gewölbe Flachdecken eingezogen, bei St. Pantaleon wurden dafür sogar noch erhaltene Gewölbefelder zerstört.

In der Einführungsrunde machte Herr Dr. Werner deutlich, sich mit Rekonstruktionen zu befassen sei eine gesellschaftliche und politische Aufgabe, aber seine Denkmalpflege sei dafür nicht zuständig: Denkmäler würden zusammen mit ihrer Originalsubstanz untergehen und wären danach als Denkmäler nicht mehr existent. Damit würde auch die Zuständigkeit der Denkmalpflege entfallen.
Frau Hutt führte aus, sie erarbeite in der Praxis (zB zuletzt bei Schloss Burg bei Solingen) immer mehrere Varianten, von der eine Teilrekonstruktion dann eine von vielen Möglichkeiten sei. Die letztendliche Entscheidung läge dann letztendlich aber immer beim Bauherrn.
Frau Prof. Dr. Petra Sophia Zimmermann wiederholte auf die Frage, ob sie aus wissenschaftlicher Sicht Rekonstruktionen empfehlen würde, die These von Herrn Dr. Werner, Denkmäler würden Originalsubstanz voraussetzen, eine Denkmalrekonstruktion sei eine „Wortschöpfung, die es so nicht geben kann“.
Als Abschluss der Einführungsrunde erläuterte Matthias Beusch die Ziele von Stadtbild Deutschland, großflächig zu den einzigartigen und wunderschönen Stadtbildern der Vorkriegszeit zurückzukehren und machte auch deutlich, dass man Bauwerke immer im Kontext des Stadtbildes sehen müsse und man die Stadt als Gesamtkunstwerk nicht aus dem Auge verlieren dürfe. Zudem dürfe man ein Denkmal nicht auf sein Originalmaterial reduzieren: Ein Gebäude entstehe zunächst einmal als Idee, als geistige Leistung, die auf einem Bauplan festgehalten würde. Diese Idee würde auch nach einer Zerstörung der ersten physischen Ausführung des Bauplans weiterleben, solange es Fotos oder Zeichnungen von dem Gebäude gebe. Eine Rekonstruktion würde diese Idee dann einfach nur ein weiteres Mal zum Leben erwecken. Im Anschluss stellte er einige Visualisierungen vor, wo der Ortsverband in der Vergangenheit auf die Möglichkeit von Rekonstruktionen in Köln hingewiesen hatte.

Herr Dr. Werner führte danach aus, er könne das Ansinnen nachvollziehen. Es sei das Vertrauen verloren gegangen, dass heute noch gute Architektur geschaffen werden könne, er selber habe in den letzten 20 Jahren auch nur sehr wenig gute neue Architektur in Köln gesehen.
Danach unterstellte er Herrn Beusch, er wolle den Auftrag der Denkmalpflege um stadtplanerische Vorgaben erweitern (was dieser allerdings nirgendwo gefordert hatte), dafür gäbe es aber keinen rechtlichen Rahmen.
Weiterhin sprach er die Charta von Venedig an, nach der Neubauten und Ergänzungen an einem Denkmal im Stile ihrer Zeit erfolgen sollten. Die Charta gelte für Architekten und Denkmalpfleger und lehne Rekonstruktionen ab, allerdings würde das Stadtbild durchaus unter der schlechten gegenwärtigen Architektur leiden.
Herr Beusch entgegnete daraufhin, das Stadtbild Deutschland die Charta von Venedig sehr kritisch sehen würde: Die Rekonstruktion von Groß St. Martin beispielsweise hätte es bei Einhaltung der dort aufgestellten Regeln nicht gegeben, was zum Schaden des Stadtbildes gewesen wäre. Die heutigen Entscheidungen des Stadtkonservators beim Domhotel (keine Rekonstruktion der prachtvollen Dachlandschaft) oder bei den Häusern am Fischmarkt wirke sich dementsprechend negativ auf das Erscheindungsbild der Stadt aus, weil er die Wiederherstellung der ursprünglichen Idee der Gebäude verhindern würde.

Frau Prof. Dr. Zimmermann betonte in ihrer nachfolgenden Wortmeldung, Köln habe „großartige fünfziger Jahre Bauten“ und sei „dynamisch und kreativ“ mit dem großen Schnitt der Zerstörung umgegangen. Die Vorstellungen von Stadtbild Deutschland erwüchsen aus einem Kriegstrauma, doch ihrer Meinung nach hätte Köln dieses Trauma gut bewältigt. Auf die Frage, wie man die Vorschläge von Stadtbild Deutschland umsetzen könnte, antwortete sie, auf diese Idee „käme ja keiner“.
Frau Hutt betonte zunächst, alle Vorschläge hätten ihre Berechtigung, vermutete dann jedoch, Stadtbild Deutschland habe gar nicht Rekonstruktionen im Sinn sondern nur stilvollere Architektur, welche dekroativer sein solle und sich anlehnen solle an vergangene Epochen. Die Rekonstruktion des Potsdamer Stadtschlosses beispielsweise habe für sie nicht die Wertigkeit eines historischen Gebäudes, es „maße sich an“, ein historisches Gebäude zu sein, sei aber ein Neubau. Rekonstruktionen wären nur bei einer perfekten Befundlage möglich.
Herr Dr. Werner führte anschließend zum Fischmarkt aus, der Verlust sei die Schuld der Nationalsozialisten, welche das Gebäude durch eine unsachgemäße Sanierung dem Untergang geweiht hätten. Das Denkmal könne nun nicht genau so wie vorher wiederhergestellt werden, weil es eben untergegangen sei. Selbst eine Wiederherstellung der kräftigen Farben schloss der Stadtkonservator aus, da diese eine spätere Zutat der siebziger Jahre seien, für die er „überhaupt kein Verständnis“ habe.
Anschließend zeigte er Vergleichsbilder der Goldenen Waage in Frankfurt, einmal vor dem Krieg und einmal die Rekonstruktion. Er gestand dem Gebäude zu, dass man es als schön bezeichnen könne und es das Stadtbild wiederherstelle, ein Denkmal zeige jedoch die Spuren der Handwerker aus der Erbauungszeit, was das heutige Gebäude nicht bieten könne. Es sei ein „steriler Bau, der so tut als ob er 16. Jahrhundert wäre, es aber nicht schafft“.

In der nachfolgenden Diskussion mit dem Publikum äußerte ein Zuschauer die These, die Architektur sei ein Spiegelbild der Gesellschaft und man müsse die Gesellschaft ändern, um auch die Architektur zu ändern.
Dem wiedersprach Matthias Beusch deutlich. Es gebe wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema, die nahelegen würden, dass eine große Mehrheit der Menschen die klassischen Architekturformen und Rekonstruktionen befürworten würde. Auch viele Umfragen in Deutschland würden in diese Richtung weisen, nicht zuletzt die von Stadtbild Deutschland mit in Auftrag gegebene Umfrage zur Bauakademie in Berlin, wo 67% der Befragten für Rekonstruktion waren.

Zum Abschluss durfte jeder Teilnehmer noch einmal seine Thesen in einem kurzen Statement wiedergeben.
Frau Prof. Dr. Zimmermann eröffnete die Abschlussrunde mit der Aussage, aus wissenschaftlicher und auch aus persönlicher Sicht würde sie keinen Rekonstruktionsbedarf in Köln sehen. Rekonstruktionen seien rückwärtsgewandt und sie würde nach vorne schauen, auch wenn es aus einer übergeordneten Sicht eine legitime Forderung sei.
Herr Dr. Krings unterstützte die Aussage „zu 99%“, auch er habe kein Bedürfnis nach Rekonstruktionen.
Herr Beusch verwies auf den Begriff der Baukultur, die ein wichtiger Teil unserer Identiät sei. Er wiederholte noch einmal die Bedeutung der Einzigartigkeit der alten Architektur, die jede Stadt zu etwas Besonderem gemacht hätte. Dieser Schatz sei es wert, wiederaufgebaut zu werden, da er sonst in Vergessenheit geraten würde. Originale Denkmäler wäre zwar die Wunschvorstellung, aber wenn diese zerstört würden, könne man das Beste daraus machen und sie wieder aufbauen.
Herr Dr. Werner warb dafür, die existierenden Denkmäler zu erhalten und den Denkmalschutz als Institution zu stärken.
Frau Hutt schlug vor, die Informationen über die alten Baustile mit dem modernen Bauen zu verbinden, man müsse heutigen Architekten die Werkzeuge an die Hand geben, um mit mehr dekorativen Elementen wieder prägendere Stadtbilder zu schaffen. Moderne Architektur fände sie auch als Restauratorin sehr spannend.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Veranstaltung die bereits vorher bekannten unterschiedlichen Standpunkte zu Rekonstruktionen noch einmal herausgearbeitet hat. Auf der einen Seite die Fachwelt, welche sehr materialbezogen denkt und Rekonstruktionen kritisch gegenübersteht und auf der anderen Seite ein Verein wie Stadtbild Deutschland, der Denkmäler mehr auf einer metaphysischen Ebene sieht und den großen Wert der untergegangenen Architektur zurückholen möchte.
Immerhin wurde seitens der Denkmalpfleger zugestanden, dass Rekonstruktionen durchaus eine legitime Forderung seien, die aus ihrer Sicht vor allem Politik und Gesellschaft diskutieren müsse. Überraschende Einigkeit bestand in der Haltung, dass die heutige Architektur kaum qualitätvolle Bauten hervorbringe und hier dringender Verbesserungsbedarf bestehe.



