Die Diskussion um die Bebauung des Ulrichplatzes bewegt seit Jahren viele Bürgerinnen und Bürger in Magdeburg. Der von Hans Grasshoff sowie Heike und Uwe Thal vorgeschlagene Bau eines Bildungs- und Kulturzentrums mit Stadtbibliothek und Volkshochschule wird zwar inhaltlich von zahlreichen Magdeburgern begrüßt, der Standort ist jedoch spätestens seit dem Bürgerentscheid von 2011 – Kontext Ulrichskirche – hoch umstritten.
Als Verein Stadtbild Deutschland e. V. möchten wir uns konstruktiv in diese Debatte einbringen. Wir sagen ausdrücklich: Ein modernes Bildungs- und Kulturzentrum ist eine große Chance für unsere Stadt. Doch wir sind überzeugt, dass es einen besseren Standort und eine angemessenere Architektursprache gibt.
Unser Vorschlag: Johanniskirchhof statt Ulrichplatz
Wir schlagen vor, das geplante Bildungs- und Kulturzentrum stattdessen nördlich des Johanniskirchhofs zu errichten – dem Platz nordwestlich der Johanniskirche.
Dort befand sich bis 1945 ein markanter, 1891 errichteter Verwaltungsbau, das „Geschäftshaus des Magistrats“. Bis zum Bau des heutigen Neuen Rathauses an der Hauptwache 1906 war dieser Bau ebenfalls als „Neues Rathaus“ bekannt. Man kann also sagen, dass Magdeburg bis 1945 nicht zwei, sondern drei Rathäuser hatte. Die Außenmauern und die innere Struktur des Hauses hatten den 16. Januar 1945 wiederaufbaufähig überstanden, das Gebäude wurde erst im Zuge der Verbreiterung der Jakobstraße abgerissen.


Dieses Magistratsgebäude besaß einen hohen identitätsstiftenden und ikonographischen Wert. Es war auf zahlreichen Magdeburger Fotos und Postkarten abgebildet.
Heute ist das exakte Grundstück des Gebäudes zwar mit der Straßenführung der Jakobstraße überbaut, aber direkt östlich davon plant die Stadt ohnehin laut Rahmenplan eine Bebauung, die in ihrer Fläche ungefähr dem früheren Magistratsgebäude entspricht. Der Neubau müsste in seiner Kubatur möglicherweise leicht angepasst werden, eine 1:1 Rekonstruktion wäre nicht realistisch. Der Abstand zum Hochhaus Jakobstraße 2-6 muss natürlich beachtet werden, daher bräuchte das Gebäude eine neue Ostfassade, die es historisch nicht hatte.
Aufgrund dessen schlagen wir dem Stadtrat vor, diese Fläche für das vorgeschlagene Bildungs- und Kulturzentrum zu nutzen und dabei die Süd-, die West- und die Nordfassade des ehemaligen Magistratsgebäudes als Leitfassaden auszuschreiben. Die Ostfassade kann dann modern interpretiert werden.
So entstünde direkt neben Rathaus und Johanniskirche ein klar gefasster Platzraum mit hoher Aufenthaltsqualität – urban, geschichtsbewusst und zugleich zukunftsorientiert.


Vorteile des Alternativstandortes
- Erhalt des Ulrichplatzes als Grünfläche: Die vielen Bürgerinnen und Bürger, die sich für einen grünen Ulrichplatz einsetzen, fühlen sich weiterhin gehört und ernst genommen. Der Bürgerentscheid von 2011 würde weiterhin eingehalten.
- Orientierung am städtischen Rahmenplan: Anders als Uwe Thals Vorschlag orientiert sich dieser Vorschlag am städtischen Rahmenplan, der festgelegt hat, wo gebaut werden soll und wo nicht.
- Stadtreparatur: Genauso wie die Ulrichskirche war auch das Magistratgebäude durchaus wiederaufbaufähig und wurde erst in den fünfziger Jahren abgerissen. Ein Verlust, der also weniger dem Krieg als politischen Entscheidungen geschuldet war. Ein Wiederaufbau wäre damit ein Akt bewusster stadträumlicher Reparatur und historischer Verantwortung.
- Stärkung eines historischen Stadtraumes: Der Johanniskirchhof erhält wieder eine bauliche Fassung, wird durch zusätzliche kulturelle Nutzung aufgewertet und knüpft an seine gewachsene Struktur an. Er wäre wieder als Platz erlebbar und das Gebäude ein harmonischer Baustein zwischen Rathaus und Johanniskirche.
- Verbindung von Geschichte und Moderne: Ein Bildungs- und Kulturzentrum in historischer Kubatur vereint Identität und zeitgemäße Nutzung. Mehr noch: Das Magistratsgebäude war schon einmal Standort der Magdeburger Stadtbibliothek, bevor sie 1934 ins Logenhaus umzog. Daher wäre dies ein historisch viel geeigneterer Standort für eine Bibliothek als der Ulrichplatz.
- Kleineres Bauvolumen – realistischere Umsetzung: Das Bauvolumen des ehemaligen Magistratsgebäudes ist zwar kleiner als das geplante Projekt am Ulrichplatz. Allerdings schont ein kleineres Bauvolumen zunächst auch die öffentlichen Ausgaben für das Projekt. Es wird dadurch realistischer umsetzbar.
- Erweiterung städtebaulich möglich: Anders als am isolierten Standort mitten auf dem Ulrichplatz könnte hier bei zusätzlichem Platzbedarf problemlos nach Norden erweitert werden. Es ist laut Rahmenplan der Stadt sowieso vorgesehen, die Jakobstraße in Blockrand zu bebauen. Sogar eine Erweiterung nach Osten südlich des Hochhauses Jakobstraße 2-6 entlang wäre möglich, womit man den Johanniskirchhof vollständig – wenn auch enger gefasst – wiederherstellen könnte.
- Kleinteilige Bebauung besser als ein großer Klotz:Eine schrittweise Umsetzung würde zudem gewährleisten, dass hier kein „Klotz“ hingestellt wird, sondern eine kleinteilige Bebauung entsteht.


Brücken bauen statt Gräben vertiefen
Die Debatte um den Ulrichplatz darf nicht weiter polarisieren. Unser Vorschlag will ausdrücklich Brücken bauen: Er unterstützt die Idee eines Bildungs- und Kulturzentrums, nimmt aber zugleich die Sorgen vieler Magdeburger ernst, die den Ulrichplatz als wichtige innerstädtische Grünfläche erhalten möchten.
Wir laden die Stadtverwaltung, die politischen Gremien und alle engagierten Bürgerinnen und Bürger dazu ein, diesen Alternativstandort ernsthaft zu prüfen. Magdeburg hat die Chance, aus einer kontroversen Diskussion eine Lösung zu entwickeln, die Stadtbild, Identität und Zukunftsfähigkeit gleichermaßen stärkt.


