Kürzlich war Bundespräsident Joachim Gauck im Fernsehen im Gespräch mit Reinhold Beckmann zu erleben. Wieder einmal erwies sich Gauck als Meister der Rede und des präzise abwägenden Worts. Natürlich widmete auch dieses Gespräch dem deutschen Generalthema, den Verbrechen der NS-Zeit und unserem Verhalten dazu, breiten Raum, und immer aufs neue wurde die Frage ventiliert: Wie konnte das passieren, dass in einem Volk, das so außerordentliche Werke der Kunst, der Wissenschaft, der Philosophie hervorgebracht hatte, diese Mordtaten geschahen? Gaucks Versuche, auf diese oft gestellte Frage eine Antwort zu finden, fokussierten sich auf den Begriff der Moderne; diese habe, bei aller anerkennenswerten Fortschrittsdynamik, auch eine „Ungebundenheit“ und „bösartige Freiheit“ mit sich gebracht, die Freiheit nämlich, frei von den traditioneller Moralität anhaftenden Skrupeln eine neue Moral des sich autonom entfaltenden Übermenschen zu entwerfen.
Das ganze 20. Jahrhundert hat uns vorgeführt, wie dieses moderne Bewusstsein den Weg bereitete, beispielsweise ganze Völkerschaften zu deportieren oder zu liquidieren, beispielsweise ein Volk zu einer einzigen Landarbeiterkolchose „umzubauen“, beispielsweise eine tabufreie Sexualmoral aufzurichten, die auch das Ausleben von pädophilen Neigungen gutheißt. Tabula rasa schaffen hieß die Methode einer Moderne, die der Wahnvorstellung nachhing, durch das Kappen jeglicher Tradition eine Zukunftsmenschheit nach dem Geschmack einer Clique von Sinngebern heranzuzüchten.
Längst hat sich die Menschheit dieser Verirrungen einer traditionsverachtenden Moral (weitgehend) entledigt. Die Einsicht hat sich durchgesetzt, dass die Moderne eine Antithese, ein sicher notwendiges Aufbegehren gegen eine verfestigte Tradition als These bedeutete, aber unbedingt in die Synthese einer Tradition und Erneuerung miteinander versöhnenden geistdurchdrungenen Humanität münden muss. Aber leider bleibt diese Erkenntnis bislang weitgehend auf den Bereich der Ethik begrenzt, während in der Ästhetik, wenigstens soweit sie die Direktiven für die Gestaltung deutscher Städte und Dörfer formuliert, sich noch immer eine traditionsverachtende Moderne austobt. Anscheinend hat im Bewusstsein (deutscher) Zeitgenossen die Entwicklung noch immer nicht den Zenit der katastrophalen Zuspitzung erreicht, der den Umschlag herbeiführt, die Einsicht nämlich, dass die Menschheit im fortdauernden Ausleben einer Antithese nicht gedeihen kann, sondern nur im Erarbeiten einer Synthese. Darin liegt unser Auftrag.

