Welches andere Volk außer den Deutschen stand siebzig architektonisch dürftige Jahre lang vor der Aufgabe, eine um die andere Hauptstadt mit Staatsbauten zu bestücken? Und welches Volk hätte dazu ungünstigere mentale, emotionale, bewusstseinsmäßige Voraussetzungen gehabt als das deutsche?
Das Bonner Provisorium, obwohl schon bald nicht mehr als solches verstanden, lieferte den willkommenen Vorwand, Erwartungen an staatliche Repräsentanz außen vor zu lassen. Zwar wurde der Titel eines Vortrags von Adolf Arndt (1960) „Demokratie als Bauherr“ rasch zum geflügelten Wort, aber niemand scherte sich ernstlich um die Materialisierung der Arndtschen Ideen; erst zu Ende der Bonner Republik entstand mit Günther Benischs neuem Plenarsaal ein neuer Gestaltungsansatz im Sinne von Öffnung, Transparenz und lichtdurchfluteter Weite.
Die DDR-Regierung war, bedingt durch ihr Selbstverständnis, entschieden mutiger; dennoch konnte von den drei Repräsentationsbauten im historischen Zentrum Berlins nur das Staatsratsgebäude die Wiedervereinigung überdauern. Außenministerium und Palast der Republik mussten aus verschiedenen Gründen weichen, wobei der tiefste Grund in ihrer architektonischen Schwachbrüstigkeit zu finden sein dürfte.
Die Regierung des wiedervereinten Deutschland hatte den Vorteil, Staatsbauten aus monarchischer und diktatorischer Vergangenheit übernehmen und sich auf ergänzende Neubaumaßnahmen beschränken zu können. Einzig mit dem Kanzleramt von Axel Schultes geschah ein wagemutiger Ausgriff: ein symmetrisch konzipierter Riegel mit dominantem Leitungsgebäude, Ehrenhof und Kanzlergarten, der ungeachtet neuersonnener Motive einer kreativen, auf Offenheit und Lichtfülle setzenden Moderne doch auch die Tradition monumentaler Repräsentationsbauten nicht verleugnet.
Es hat den Anschein, als ließe sich die große Geste von Axel Schultes und Stephan Braunfels (mit seinen Parlamentsbauten) nicht mehr fortsetzen. Gewiss, die neuesten Ministeriumsbauten übersteigen deutlich das einstige Bonner Niveau; dennoch kann man die wieder dominierenden Rasterfassaden als Flucht vor Formfindungsaufgaben werten, denen sich heutige Gestalter gar zu gerne entziehen. Im November letzten Jahres wurde der „Berliner Dienstsitz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung“ am Kapelle-Ufer (von Heinle, Wischer und Partner) in Gebrauch genommen, im kommenden Monat soll das neue Innenministerium bezogen werden, das die Architekten des Außenamt-Erweiterungsbaus – Thomas Müller und Ivan Reimann – entworfen haben.
Mag auch die Detailausbildung dieses Gebäudes mit tiefen, wohlproportionierten, steinernen Fensterlaibungen Wertigkeit und Noblesse ausstrahlen, ansonsten meinten die Architekten Qualität aus der Konsequenz generieren zu sollen und zogen dieses Raster um sämtliche Außenwände herum. Aber was soll’s – das Sicherheitsstreben unserer Tage hat ohnehin alle einstmals geforderte Repräsentanz, Transparenz und öffentliche Zugänglichkeit verabschiedet und den relativ flachen Bau in eine schwer einsehbare Randlage abgedrängt. Wie das staatliche Gemeinwesen sich in der Öffentlichkeit präsentieren kann, erleben wir in anderen Hauptstädten. In Berlin ist das mittlerweile ein Thema von gestern.
Dr. Harald Streck, Vereinsvorsitzender
Abbildung: Neubau des Bundesministerium des Innern

